Zwischen den Fronten — Strafen in der Hundeerziehung Teil 1

Einleitung

„Ein guter Trainer kommt ohne Strafen aus.“

„Hunde brauchen Grenzen – aber man kann Grenzen auch nett setzen.“

„Wer heute noch mit Strafen arbeitet, hat die letzten 30 Jahre Hundeforschung verschlafen.“

„Wer Strafen verteidigt, verteidigt Gewalt.“

Wer das Glück hat, Sozialpartner mindestens eines Hundes zu sein, kennt diese Sätze. Oder Varianten davon. Sie fallen auf Hundewiesen, in Kommentarspalten auf Social Media und Gesprächen unter Trainerkollegen. Mit einer Selbstverständlichkeit, die keine Widerrede duldet.

Und ich verstehe den Impuls dahinter. Wirklich. Jahrzehntelang wurden Hunde mit Methoden traktiert, die heute zu Recht geächtet sind – Stromreizgeräte, Stachelhalsbänder und Alphawurf. Dass die Hundewelt daraus Konsequenzen gezogen hat, ist gut und richtig.

Aber irgendwo auf diesem Weg ist etwas aus dem Ruder gelaufen. Aus dem berechtigten Wunsch nach tierschutzgerechtem Training wurde ein Glaubenskrieg. Aus Einigkeit darüber, dass Gewalt in der Hundeerziehung nichts zu suchen hat, wurde ein Grabenkampf zwischen zwei Lagern. Und wer nicht ins eigene Lager gehört, bekommt das deutlich zu spüren.

Dieser Artikel dient weder der Diffamierung von Hundetrainer:innen, die Strafen im Training ablehnen, noch der Legitimation von Gewalt. Viel mehr möchte ich dazu beitragen, wieder mehr Frieden in die Hundeszene zu bringen und erklären, warum ich so arbeite, wie ich arbeite. Denn im Endeffekt wollen wir doch alle dasselbe: Das Beste für unsere Hunde.

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Strafe = Gewalt und Belohnung = Leckerli … oder?

Bevor wir uns in die Wolle kriegen, lass uns erstmal klären, worüber wir eigentlich streiten. Denn Begriffe wie „Strafe“, „Belohnung“ oder „Gewalt“ werden von unterschiedlichen Leuten häufig völlig unterschiedlich definiert – und solange das so ist, reden wir schlicht aneinander vorbei.

Fangen wir mal mit den Begriffen Belohnung und Strafe an.

Im Alltag sind diese beiden Begriffe stark emotional aufgeladen. Wir verbinden Belohnung mit etwas Gutem, was den Hund glücklich macht, und Strafe mit etwas Schlechtem, was dem Hund Schmerzen bereitet, ängstigt, stresst. In der Lerntheorie – der wissenschaftlichen Basis für das Lernverhalten von Säugetieren – gibt es jedoch kein gut oder schlecht. Sie beschreibt lediglich, was mit einem Verhalten passiert:

  • Verstärkung (Belohnung) bedeutet: Ein Verhalten wird wahrscheinlicher. Der Hund zeigt es öfter.
  • Strafe bedeutet: Ein Verhalten wird unwahrscheinlicher. Der Hund zeigt es seltener.

Dazu kommt eine zweite Dimension – positiv und negativ. Auch das hat hier nichts mit gut oder schlecht zu tun. Positiv heißt: Es wird etwas hinzugefügt. Negativ heißt: Es wird etwas weggenommen. Kombiniert man beide Dimensionen, erhält man die vier Quadranten der Lerntheorie:

Die 4 Quadranten der Lerntheorie

  • Positive Verstärkung (R+): Ein angenehmer Reiz wird hinzugefügt → Verhalten wird häufiger. Beispiel: Auf das Signal „Sitz“ setzt der Hund sich hin und bekommt dafür ein Leckerli → Er wird sich auf das Signal hin öfter hinsetzen.
  • Negative Verstärkung (R–): Ein unangenehmer Reiz wird weggenommen → Verhalten wird häufiger. Beispiel: Der Mensch übt Druck auf das Hinterteil des Hundes aus. Sobald der Hund sich setzt, fällt der Druck weg → Der Hund wird sich in Zukunft bei Druck auf das Hinterteil schneller hinsetzen.
  • Positive Strafe (P+): Ein unangenehmer Reiz wird hinzugefügt → Verhalten wird seltener. Beispiel: Der Hund buddelt unerlaubt im Blumenbeet und erhält dafür ein scharfes „Nein!“ → Er wird künftig seltener das Blumenbeet umgraben.
  • Negative Strafe (P–): Ein angenehmer Reiz wird weggenommen → Verhalten wird seltener. Beispiel: Der Hund wird beim Spielen mit dem Menschen zu wild und zwickt in die Hand, woraufhin der Mensch das Spiel abbricht und weggeht → Der Hund wird nächstes Mal seine Zähne vorsichtiger einsetzen.

Wichtig dabei: Nicht der Mensch entscheidet, was eine Belohnung oder eine Strafe ist – das entscheidet einzig und allein der Hund. Ein Beispiel: Ein Hund kommt auf das Rückrufsignal zu seinem Menschen zurück. Dieser möchte ihn belohnen und tätschelt ihm über den Kopf. Beim nächsten Mal kommt der Hund nur noch zögerlich – und beim übernächsten Mal vielleicht gar nicht mehr. Was ist passiert? Der Hund mag das Tätscheln nicht. Für ihn ist es kein angenehmer Reiz, sondern ein unangenehmer – also eine positive Strafe. Folglich zeigt er das Verhalten, auf das Rückrufsignal hin zu kommen, immer unzuverlässiger, um der vermeintlichen „Belohnung“ zu entgehen. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht.

Nicht der Mensch entscheidet, was Belohnung und was Strafe ist, sondern der Hund.

Wichtig zu wissen ist außerdem: Die operante Konditionierung ist nur ein Teil der Lerntheorie – und bei Weitem nicht der vollständige. Hunde lernen auch durch Beobachtung, durch Gewöhnung, durch klassische Konditionierung und durch soziale Interaktion. Das Verhalten eines Hundes lässt sich eben nicht auf simple Wenn-dann-Formeln reduzieren. Genetik, Erfahrungen, innere Zustände, die Beziehung zum Menschen – all das spielt rein.

Wer sich nur darauf konzentriert, bloß nicht zu strafen oder ja nicht zum „Leckerli-Automaten“ zu verkommen, wird dem komplexen Individuum Hund nicht gerecht.

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Populäre Mythen rund ums Thema Strafe

Kein anderes Thema in der Hundeerziehung ist so emotional aufgeladen wie dieses. Und wo starke Emotionen im Spiel sind, ist leider wenig Platz für Fakten. Schauen wir uns deshalb mal die gängigsten Aussagen an, welche zum Thema Strafen in der Hundeerziehung so kursieren – und was die so oft zitierten Studien aus der Wissenschaft dazu tatsächlich sagen.

Schau nächste Woche wieder vorbei und erfahre, was es mit Mythos 1 auf sich hat!

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