Mythos #5: Beim Strafen kann total viel schiefgehen
Dieser Mythos schließt ein wenig an den vorherigen an und hat – ich gebe es zu – in dieser Aufzählung wohl am meisten Substanz. Denn ja, beim Strafen gibt es tatsächlich einiges zu beachten:
Kriterien für korrekt angewandte Strafen
- Der Hund muss dazu in der Lage sein, das erwünschte Verhalten auszuführen
Beispiel: Einen tauben Hund dafür zu bestrafen, dass er auf das Rufen des Menschen nicht kommt, ist unfair und für den Hund völlig unverständlich.
- Der Hund muss die Strafe mit dem unerwünschten Verhalten verknüpfen können
Beispiel: Einen Hund dafür zu bestrafen, dass er, während der Mensch einkaufen war, den Mülleimer geplündert hat, ist Quatsch, da der Hund nicht mehr zuordnen kann, wofür er die Strafe erhält.
- Der Hund muss die Strafe durch sein Verhalten vermeiden können
- Die Intensität der Strafe muss an den jeweiligen Hund und den Kontext angepasst sein
- Der Mensch muss in der Lage sein, das unerwünschte Verhalten immer zu bestrafen
- Der Mensch darf nicht aus negativen Emotionen wie Wut oder Frustration heraus strafen
Der Hund verknüpft eine Konsequenz mit dem, was er in genau dem Moment tut, in dem die Konsequenz eintritt – nicht mit dem, was er fünf Sekunden davor getan hat. Dieses Zeitfenster ist extrem kurz (wir reden hier von ca. 1–2 Sekunden, im besten Fall sogar noch weniger). Und ja: Wer in diesem Zeitfenster patzt, produziert eine Fehlverknüpfung – mit potenziell blöden bis richtig problematischen Folgen. Der Hund, der für sein Bellen an der Leine korrigiert werden soll, aber die Korrektur erst spürt, als er sich gerade zum Herrchen umdreht? Der verknüpft nicht „Bellen = unangenehm“, sondern „zum Menschen umdrehen = unangenehm“. Kein schönes Ergebnis.
Das ist real. Das passiert. Und das ist ein echtes Argument dafür, dass Strafen Fingerspitzengefühl, Timing und ein gutes Auge für den Hund erfordern. Wer das bestreitet, macht es sich zu einfach.
Aber diese Herausforderung gilt genauso für positive Verstärkung. Ein zu spät gegebenes Leckerli verknüpft der Hund nicht mit dem Sitz, den er vor fünf Sekunden gemacht hat, sondern damit, dass er gerade aufgestanden ist. Herzlichen Glückwunsch, du hast soeben das Aufstehen belohnt. Fehlverknüpfungen sind kein Spezifikum der Strafe. Sie sind ein Spezifikum von schlechtem Timing – egal in welchem Lernquadranten wir uns bewegen.
Der Unterschied ist allerdings: Die Konsequenzen einer Fehlverknüpfung bei Strafe können gravierender sein als bei Belohnung. Ein falsch verknüpftes Leckerli erzeugt schlimmstenfalls ein Missverständnis. Eine falsch verknüpfte Strafe kann Angst oder Unsicherheit auslösen. Das ist ein wichtiger Punkt, den man nicht unter den Tisch kehren sollte – und einer der Gründe, warum ich immer sage: Wer mit Strafe arbeitet, muss wissen, was er tut.
Was also folgt daraus? Nicht, dass Strafen grundsätzlich zu Fehlverknüpfungen führen. Sondern dass Strafen – wie alle anderen Trainingsmittel auch – Kompetenz erfordern. Dass man seinen Hund lesen können muss. Dass Timing, Intensität und Kontext stimmen müssen. Und dass man sich diese Kompetenz idealerweise nicht auf Instagram zusammengoogelt, sondern unter fachkundiger Anleitung lernt.
Das ist kein Argument gegen Strafen. Das ist ein Argument dafür, sie – wenn man sie einsetzt – richtig einzusetzen. Und sich die Unterstützung zu holen, die man dafür braucht.
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