Zwischen den Fronten — Strafen in der Hundeerziehung Teil 2

Mythos #1: Strafe = Gewalt

Bevor wir darüber sprechen, ob Strafen in der Hundeerziehung Gewalt sind oder nicht, schauen wir uns erstmal an, was Gewalt überhaupt ist. In der Soziologie wird Gewalt als Machtausübung verstanden, die darauf abzielt, einer anderen Person gegen ihren Willen Schaden zuzufügen, sie zu unterwerfen oder ihre Freiheit einzuschränken. Als entscheidende Kriterien gelten dabei:

  • Gegen den Willen: Die Handlung geschieht ohne Zustimmung des Gegenübers.
  • Schädigende Absicht: Die Handlung zielt darauf ab, dem Gegenüber Schaden zuzufügen.
  • Körperliche oder psychische Schäden: Die Handlung führt tatsächlich oder mit großer Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen oder psychischen Beeinträchtigungen.

Ich denke, über Punkt 1 – „Gegen den Willen“ – müssen wir uns nicht streiten. Kein Hund wird gerne gestraft. Es gibt natürlich Fälle, in denen eine Strafe bewusst in Kauf genommen wird, um ein höherwertiges Ziel zu erreichen, doch ich würde mal dreist behaupten, dass der Hund auch in diesen Fällen gerne auf eine Strafe verzichten würde. Das erste Kriterium wird bei Strafen also schon mal erfüllt.

Bei Punkt 2 – „Schädigende Absicht“ – kann ich natürlich nicht pauschal für alle meine Trainerkolleg:innen sprechen, weil ich ihre Absichten nicht kenne. Was ich jedoch sagen kann: Strafen sollten niemals in schädigender Absicht eingesetzt werden. Ganz im Gegenteil. Das Ziel einer korrekt eingesetzten Strafe ist immer, die Lebensqualität des Hundes langfristig zu verbessern.

Ein Beispiel: Ein Hund, bei dem ein sauberer Rückruf aufgebaut wurde, entscheidet sich dazu, lieber weiter zu schnüffeln, als dem Signal zu folgen. Daraufhin schmeißt sein Mensch die Leine in seine Richtung, um einen kurzen Schreckreiz zu setzen. Der Hund lernt: Wenn ich auf das Rückrufsignal nicht reagiere, wird es unangenehm. Das Ziel der Strafe ist dabei nicht, dem Hund Schaden zuzufügen – sondern die Verbindlichkeit des Rückrufs deutlich zu machen. Die Folge: Der Hund kann auch weiterhin seinen Freilauf genießen, weil sein Mensch sich auf ihn verlassen kann.

Bei Punkt 3 – „Körperliche oder psychische Schäden“ – wird es am kontroversesten. Auf dieses Kriterium berufen sich die meisten Kritiker:innen von Strafen in der Hundeerziehung. Das Problem dabei: Viele entscheiden gewissermaßen über den Kopf des Hundes hinweg, dass dieser durch eine bestimmte Strafe körperliche oder psychische Schäden erlitten hat – teilweise sogar, ohne den Hund jemals gesehen zu haben, allein auf Grundlage der Art der angewendeten Strafe.

Ein prominentes Beispiel ist der sogenannte Leinenruck, häufig auch Leinenimpuls genannt. Wie der Name schon sagt, wird hierbei kurz an der am Halsband befestigten Leine geruckt, um dem Hund zu signalisieren: Das, was du gerade tust, gefällt mir nicht. Häufig wird behauptet, der Leinenruck würde dem Hund wehtun oder gar Verletzungen an Kehlkopf und Halswirbelsäule verursachen. Aber ist das tatsächlich so? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die Anatomie des Hundes.

[Bild]

Wer sich das Bild genauer anschaut, wird schnell feststellen: Der Hals- und Nackenbereich eines Hundes ist alles andere als ungeschützt. Sowohl Kehlkopf als auch Halswirbelsäule sind von kräftigen Muskelsträngen umgeben – und darüber liegen noch Fettschicht, Haut und Fell. Dieser Bereich ist, anatomisch gesehen, sehr gut „eingepackt“.

Hinzu kommt eine Besonderheit, die viele nicht auf dem Schirm haben: Das Brustbein des Hundes sitzt im Vergleich zum Menschen deutlich weiter unten. Das bedeutet, dass Kopf und Hals allein durch die Muskulatur getragen werden – ohne knöcherne Stützkonstruktion. Die Folge: Die Hals- und Nackenmuskulatur gehört zu den am stärksten ausgeprägten Muskelgruppen beim Hund. Es bräuchte schon einen erheblichen Kraftaufwand, um durch einen Leinenruck echte Schmerzen oder gar Schäden zu verursachen.

Natürlich gilt hier – wie überall im Training – der gesunde Menschenverstand: Bei einem Chihuahua sollte man nicht mit der gleichen Intensität an der Leine rucken wie bei einem Schäferhund. Aber selbst beim Chi wäre die wahrscheinlichste Konsequenz eines zu kräftigen Rucks ein unfreiwilliger Rückwärtssalto – nicht eine geschädigte Halswirbelsäule.

Und noch ein Punkt, der in dieser Debatte häufig übersehen wird: Ein gut sitzendes Halsband wird unten am Halsansatz getragen. Der Kehlkopf hingegen sitzt sehr weit oben – direkt unterhalb des Übergangs von Kopf zu Hals. Ein korrekt angebrachtes Halsband kann also anatomisch gar nicht auf den Kehlkopf drücken. Weder bei einem Leinenruck, noch wenn der Hund selbst an der Leine zieht.

Mein Fazit zu Mythos #1 lautet also: Nicht jede Strafe in der Hundeerziehung ist automatisch Gewalt – und korrekt eingesetzte Strafen können (und sollten!) die Lebensqualität des Hundes langfristig steigern, statt sie zu reduzieren.

Was hingegen eindeutig Gewalt ist: Schläge, Tritte, der Einsatz von Strom-, Würge- und Stachelhalsbändern. Dass diese Praktiken in der Hundeerziehung und generell im Umgang mit Lebewesen nichts zu suchen haben, da sind wir uns hoffentlich alle einig.

Korrekt eingesetzte Strafen dienen der langfristigen Verbesserung der Lebensqualität – Gewalt nur der Demonstration der eigenen Charakterschwäche.

Komm nächste Woche wieder für Mythos 2, den ich in meiner Blog-Reihe behandele!

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