Mythos #3: Strafen schaden der Beziehung
Das klingt erstmal total einleuchtend. Wer möchte schon bestraft werden? Und wer möchte schon die Person sein, die bestraft? Strafe fühlt sich intuitiv nach etwas an, das zwischen zwei Lebewesen steht – nicht nach etwas, das sie verbindet. So weit, so nachvollziehbar.
Aber (und ihr ahnt es wahrscheinlich schon) – ganz so einfach ist es nicht.
Stell dir mal folgendes Szenario vor: Du fängst einen neuen Job an. Dein Chef ist nett, lobt dich oft, aber sagt dir nie, wenn du etwas falsch machst. Du machst also einfach weiter, wie du denkst, dass es richtig ist – bis du nach drei Monaten plötzlich und ohne Vorwarnung abgemahnt wirst. Wie würdest du dich fühlen? Verunsichert? Verarscht? Stell dir jetzt ein anderes Szenario vor: Eine Chefin, die dir am ersten Tag klar sagt, was sie erwartet, die dich lobt, wenn du gut arbeitest, und die dir ruhig und sachlich Bescheid gibt, wenn etwas nicht passt. Bei wem von beiden fühlst du dich langfristig sicherer?
Hunden geht es da nicht viel anders. Was ein Hund braucht, um sich sicher zu fühlen, ist vor allem eines: Vorhersehbarkeit. Ein Hund, der weiß, welches Verhalten welche Konsequenz nach sich zieht – egal ob positiv oder negativ – kann seine Umwelt einschätzen. Und ein Hund, der seine Umwelt einschätzen kann, ist deutlich entspannter als einer, der nie weiß, was ihn als nächstes erwartet.
An dieser Stelle machen wir mal einen kleinen Abstecher in die Entwicklungspsychologie: Forscher:innen haben bei Kindern die Auswirkungen verschiedener Erziehungsstile untersucht. Dabei kam heraus, dass Kinder, die in einem autoritativen Umfeld aufwachsen – also einem, das klare Grenzen vorgibt und diese nötigenfalls auch mit angemessenen Strafen durchsetzt, gleichzeitig aber auch ein hohes Maß an emotionaler Zugewandtheit bietet und auf die Bedürfnisse der Kinder eingeht – im Schnitt die stabilsten Bindungen und das höchste Selbstvertrauen aufbauen. Kinder aus einem rein permissiven Umfeld hingegen – also einem, welches kaum regulativ/begrenzend auf das Verhalten der Kinder einwirkt – schneiden dabei überraschend schlechter ab.
Für die Hundeerziehung ist die Forschungsübereinstimmung bemerkenswert eng, auch wenn ich dazu sagen muss, dass es sich hier um ein noch sehr junges Forschungsfeld handelt und die Ergebnisse daher momentan nur als Indizien und nicht als fundierter Beleg dienen können. Einen kurzen Blick möchte ich dennoch auf die derzeitige Studienlage werfen.
Das erste systematische Review zum Thema „Pet Parenting“ (Barina-Silvestri et al., 2024) zeigt, dass sich das gleiche Drei-Stile-Modell (autoritäre, autoritative und permissive Erziehungsstile) direkt auf die Hund-Halter-Beziehung übertragen lässt – mit dem gleichen Ergebnismuster: Hunde, die mit autoritativen Ansätzen erzogen werden, zeigten in den Tests das sicherste Sozialverhalten, die stärkste Bindungsstabilität und die besten Problemlösefähigkeiten. Ob bei der Erziehung von Kindern oder beim Training von Hunden – die Erfolgsformel scheint weder maximale Kontrolle noch maximale Freiheit zu sein, sondern die Kombination aus klaren Grenzen und liebevoller Zugewandtheit.
Beziehungen – egal ob zwischen Eltern und Kind oder zwischen Mensch und Hund – leiden nicht an klar kommunizierten Grenzen und angemessenen Strafen beim überschreiten dieser. Sie leiden an Willkür, mangelnder Vorhersehbarkeit und emotionalen Ausrastern. Und das kann genauso gut ohne den bewussten Einsatz von Strafe passieren.
Führen Strafen wirklich zu erlernter Hilflosigkeit? Das erfährst du in meinem nächsten Artikel. Schau kommende Woche wieder vorbei!




