Zwischen den Fronten — Strafen in der Hundeerziehung Teil 5

Mythos #4: Strafen führen zu erlernter Hilflosigkeit

Erlernte Hilflosigkeit – das klingt dramatisch. Und das Konzept dahinter ist es auch. Der Psychologe Martin Seligman beschrieb es in den 1960er Jahren: Tiere, die wiederholt unkontrollierbaren Reizen ausgesetzt werden – also solchen, auf die sie keinerlei Einfluss haben – hören irgendwann auf, überhaupt noch zu versuchen, etwas daran zu ändern. Sie werden passiv, apathisch, resigniert. Der Organismus lernt gewissermaßen: „Egal was ich tue, es ändert sich nichts. Also lasse ich es gleich sein.“ Das ist eine echte, gut dokumentierte und ernstzunehmende psychologische Reaktion.

Dass dieses Phänomen als Argument gegen Strafe ins Feld geführt wird, ist nachvollziehbar. Aber – und das ist entscheidend – wer das tut, übersieht (oder unterschlägt) ein ziemlich wichtiges Detail. Das Schlüsselwort in Seligmans Beschreibung ist nämlich: unkontrollierbar.

Erlernte Hilflosigkeit entsteht nicht durch Strafen an sich, sondern durch Strafen, die in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem eigenen Verhalten stehen und sich nicht durch Verhaltensanpassungen beeinflussen lassen.

Eine korrekt eingesetzte Strafe zeichnet sich im Gegensatz dazu jedoch u. A. dadurch aus, dass sie für den Hund vorhersehbar und durch Verhaltensanpassung vermeidbar ist. Ein Beispiel: Der Mensch ruft seinen Hund mit einem zuvor sauber auftrainierten Signal zu sich. Der Hund entscheidet sich jedoch dazu, den Rückruf zu ignorieren, weil er lieber weiter schnüffeln möchte. Als Konsequenz wirft der Mensch die Leine in Richtung des Hundes, welcher sich kurz erschreckt und demütig zu seinem Menschen zurückkehrt. Beim nächsten Rückruf kommt der Hund sofort zu seinem Menschen zurück und erhält dafür eine Belohnung. Er lernt: Wenn er die Anforderung seines Menschen ignoriert, folgt darauf eine Strafe. Befolgt er die Anforderung, bleibt die Strafe aus (negative Verstärkung) und er wird zusätzlich belohnt (positive Verstärkung). Er weiß, was er tun muss, um eine Strafe zu vermeiden.

Wer also mit erlernter Hilflosigkeit gegen den Einsatz von Strafen argumentiert, argumentiert eigentlich gegen schlechtes Training – und darin sind wir uns einig. Aber das Konzept als Pauschalargument gegen jede Form von Strafe zu verwenden, ist ungefähr so, als würde man sagen: „Messer sind gefährlich, also sollte niemand kochen.“ Stimmt – wenn man keine Ahnung hat, was man tut, kann man sich schneiden. Die Lösung ist aber nicht, das Messer wegzuwerfen, sondern zu lernen, wie man es richtig benutzt.

Und noch etwas kommt in Bezug auf erlernte Hilflosigkeit selten zur Sprache: Auch Erziehung über positive Verstärkung kann im schlimmsten Fall zu erlernter Hilflosigkeit führen. Warum? Schauen wir uns nochmal die ausschlaggebenden Kriterien an, die für dieses Phänomen zuständig sind: Wiederholte und für den Hund unkontrollierbare Reize. Wenn ein Hund nun für alles was er tut, positiv verstärkt wird – fürs Hinsetzen, Hinlegen, Blickkontakt, Gähnen, Schütteln usw. usf. – dann kann dies dazu führen, dass er überhaupt nicht mehr versucht, durch sein Verhalten eine Belohnung herbeizuführen, weil er gelernt hat, dass die Belohnung ohnehin kommt, egal was er tut. Genau wie bei einer erlernten Hilflosigkeit durch aversive Reize kommt es in solch einem Fall zu massivem Stress, Teilnahmslosigkeit und dem völligen Einstellen von Versuchen, etwas an seiner Situation zu ändern.

Natürlich ist das ein krasser Fall, der extrem selten vorkommt. Aber es zeigt, wie viel eigentlich nötig ist, um einen Hund in eine erlernte Hilflosigkeit zu bringen. Das passiert nicht einfach so aus Versehen, weil man hin und wieder nicht sauber gestraft hat. Man müsste den Hund schon permanent für alles bestrafen, was er tut, um das auszulösen, weil jedes Verhalten, welches nicht zu einer Strafe führt, einen Ausweg aus der Situation zulässt und somit einer erlernten Hilflosigkeit entgegensteht. Und mal ehrlich: Wann habt ihr mal einen Fall erlebt, wo dieser Umstand tatsächlich gegeben war?

Nächste Woche, nächster Mythos! Lass dir den Abschluss meiner Blog-Reihe nicht entgehen und schau gerne wieder rein! Ich freu mich auf dich.

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