Mythos #2: Es ist wissenschaftlich belegt, dass Strafen negative Auswirkungen auf Hunde haben
Eines der wohl häufigsten Argumente, weswegen viele Trainer den Einsatz von Strafe grundsätzlich ablehnen, ist die Behauptung, “die Wissenschaft” hätte eindeutig belegt, dass Strafen bei Hunden zu erhöhtem Stress, Angst und Aggressivität führen würden. Aber ist das wirklich so?
Bevor wir uns eine konkrete und häufig genannte Studie zum Thema genauer anschauen, erstmal ein wenig Basic Shit. Denn auch, wenn Studien zweifelsohne einen wichtigen Beitrag in der Forschung leisten, gibt es da den ein oder anderen Fallstrick, denen man sich beim Lesen und Einordnen von Studienergebnissen bewusst sein sollte.
Warum man Studien nicht blind vertrauen sollte
Studien werden in unserer Gesellschaft gerne mal als vermeintliches Totschlagargument ins Feld geführt. Jemand sagt „Studie XY hat gezeigt, dass…“ und plötzlich sind sich alle einig: “Wenn die Wissenschaft das sagt, dann muss es ja stimmen!” – vorausgesetzt natürlich, das vermeintliche Studienergebnis passt zur eigenen Meinung. Aber so einfach ist es leider nicht.
- Eine einzelne Studie ist erstmal nur eine Studie. Sie kann Hinweise auf bestimmte Zusammenhänge liefern, mehr aber auch nicht. Damit ein Ergebnis als wissenschaftlich belegt gelten kann, muss es in mehreren unabhängigen Studien reproduziert werden. Passiert das nicht oder kommen bei anderen Studien vielleicht sogar gegensätzliche Ergebnisse heraus (was übrigens häufiger passiert, als mancher vielleicht denkt), dann kann man wohl schwerlich behaupten, hier wäre der wissenschaftliche Beleg für etwas erbracht worden.
- Nicht jede Studie ist gleichermaßen aussagekräftig. Es gibt große Unterschiede im Studiendesign – also in der Art, wie eine Studie aufgebaut ist und durchgeführt wird. Der Goldstandard ist die sogenannte randomisierte kontrollierte Studie (RCT), bei der die Teilnehmer zufällig in Gruppen eingeteilt werden. Warum? Weil nur so sichergestellt werden kann, dass Unterschiede zwischen den Gruppen tatsächlich auf das zurückzuführen sind, was untersucht wird, und nicht auf Faktoren, die schon vorher da waren. Viele Studien in der Forschung zu Trainingsmethoden bei Hunden erfüllen diesen Standard nicht, was ihre Aussagekraft deutlich einschränkt.
- Und das ist der Punkt, der am häufigsten unter den Tisch fällt: Korrelation ist nicht gleich Kausalität. Klingt sperrig, ist aber eigentlich simpel. Nur weil zwei Dinge gleichzeitig auftreten, heißt das nicht, dass das eine das andere verursacht. Ein Beispiel: Im Sommer steigen sowohl die Eisverkäufe als auch die Zahl der Badeunfälle. Heißt das, dass Eisessen zu Badeunfällen führt? Natürlich nicht. Beide hängen mit einem dritten Faktor zusammen – dem warmen Wetter. In der Forschung zu Trainingsmethoden begegnet uns dieses Problem ständig: Hunde, die aversiv trainiert werden, zeigen mehr Stress und Verhaltensauffälligkeiten wie bspw. übersteigerte Aggression. Aber liegt das wirklich an den eingesetzten Trainingsmethoden, oder waren diese Hunde vielleicht schon vorher gestresster, ängstlicher oder verhaltensauffälliger, weshalb überhaupt erst zu aversiven Methoden gegriffen wurde?
- Schau dir an, was genau untersucht wurde – nicht nur, was in der Überschrift oder der Zusammenfassung steht. Studien werden in der öffentlichen Diskussion gerne vereinfacht, verkürzt oder schlicht falsch wiedergegeben. Wer sich wirklich eine fundierte Meinung bilden will, kommt nicht drumherum, zumindest einen Blick in die Originalstudie zu werfen. Denn zwischen dem, was eine Studie tatsächlich zeigt, und dem, was auf Instagram daraus gemacht wird, liegen manchmal Welten.
Ein prominentes Beispiel, welches in der Debatte besonders häufig und unkritisch zitiert wird: die Studie von Vieira de Castro et al. (2020), veröffentlicht im Fachjournal PLOS ONE. Sie gilt als eine der methodisch solidesten ihrer Art – und tatsächlich ist sie das im Vergleich zu vielen anderen auch. Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick.
Was die Studie untersucht hat
92 Begleithunde aus sieben Trainingsschulen in Portugal wurden beobachtet. Die Schulen wurden in drei Gruppen eingeteilt: „Aversive“ (75–84 % aller eingesetzten Trainingsmaßnahmen waren aversiv), „Mixed“ (22–37 %) und „Reward“ (0 %). Gemessen wurden Stressverhalten während des Trainings, Cortisolwerte nach dem Training und ein sogenannter Cognitive-Bias-Test – also ob Hunde in ihrer Erwartungshaltung eher optimistisch oder pessimistisch auf Unbekanntes reagieren.
Das Ergebnis: Hunde aus der Aversive-Gruppe zeigten mehr Stressverhalten, höhere Cortisolwerte nach dem Training und schnitten im Cognitive-Bias-Test pessimistischer ab als Hunde aus der Reward-Gruppe.
Soweit die Schlagzeile. Kommen wir mal zu dem, was bezüglich dieser Studie in der Debatte rund ums Thema Strafen und Wissenschaft deutlich weniger Beachtung findet:
Kritikpunkt 1: Was hier als „aversiv“ gilt, hat mit fairem, wohlwollenden Training wenig zu tun
Was fiel in dieser Studie alles unter „positive Strafe“? Leinenrucks an Würge- und Stachelhalsbändern, Elektroschocks, Schlagen des Hundes, Anschreien und einschüchterndes Beugen über den Hund. Das ist eine Mischung aus Methoden, die kein seriöser Trainer als akzeptabel bezeichnen würde, und solchen, die – korrekt eingesetzt – durchaus diskutabel sind (im Grunde kann ich mich hier nur auf das körpersprachliche Drohen beziehen und je nachdem, ob unter “Anschreien” auch sowas wie ein klares “Hey!” oder ähnliches fällt, auch das). Hier werden also Schläge und Elektroschocks mit einem über den Hund beugen in einen Topf geworfen, als wäre es dasselbe. Zudem sei erwähnt, dass deutlich mildere Formen der Strafe – wie z.B. ein strenger Blick, körpersprachliches Blocken oder Wegstupsen des Hundes – hier überhaupt keine Beachtung finden, obwohl diese bei kompetenten Trainern und Hundehaltern deutlich mehr zur Anwendung kommen. Allein dieser Umstand verringert die Relevanz der Studienergebnisse erheblich, weil schlichtweg die Vergleichbarkeit zu realem Training bei kompetenten Trainern fehlt.
Kritikpunkt 2: Die Mixed-Gruppe zeigt keine relevanten Unterschiede zur Reward-Gruppe
Das findet sich tatsächlich in den Daten der Studie, wird in der öffentlichen Diskussion aber kaum erwähnt. Bei den entscheidenden Langzeitwerten – Cortisolwerte und Cognitive-Bias-Task außerhalb des Trainings – unterschied sich die Mixed-Gruppe (22–37 % aversive Reize) nicht signifikant (signifikant ~ über den Zufallsfaktor hinausgehend) von der Reward-Gruppe. Das schreiben die Autorinnen auch selbst (s. Seite 16-17 der Studie). Anders formuliert: Für Hunde, die mit einer Mischung aus Belohnung und gelegentlicher Strafe trainiert wurden, konnten keine Langzeitnachteile gegenüber rein belohnungsbasiertem Training nachgewiesen werden.
Aber Moment mal! Zur Erinnerung: Die Mixed-Gruppe trainierte nicht mit gewaltfreien, gut auf den jeweiligen Hund angepassten Korrekturen – sie trainierte mit Leinenrucks an Stachelhalsbändern, Elektroschocks und Schlägen, wenn auch “nur” bei 22–37 % der Maßnahmen. Das sind Methoden, die ich selbst niemals einsetzen würde und die weit über das hinausgehen, was ich unter vertretbarer Strafe verstehe. Und trotzdem: kein signifikanter Unterschied beim Cortisol, kein signifikanter Unterschied im Cognitive-Bias-Test. Diese Werte sind zwar nicht unbedingt stichhaltig (warum, erkläre ich im Folgenden noch), aber es dürfte dennoch die Frage gestattet sein, wie das Ergebnis wohl ausgesehen hätte, wenn die Mixed-Gruppe neben Belohnung ausschließlich mit gewaltfreien, korrekt angewendeten und auf den individuellen Hund abgestimmten Strafen gearbeitet hätte. Das ist Spekulation, ja. Aber es ist eine Spekulation, die sich aus den Daten ergibt – und die zeigt, wie weit das, was hier als „gemischtes Training“ untersucht wurde, von dem entfernt ist, was ein kompetenter “balanced”-Trainer in der Praxis tatsächlich macht.
Kritikpunkt 3: Keine Kausalität – die Studie kann nicht beweisen, was sie zu beweisen scheint
Das ist der methodische Kernpunkt, den die Autorinnen selbst ausdrücklich benennen: Es handelt sich um eine quasi-experimentelle Studie, keine randomisierte kontrollierte Studie. Hunde wurden nicht zufällig den Gruppen zugeteilt – sie wurden aus bereits bestehenden Hundeschulen rekrutiert. Die Gruppen unterscheiden sich dadurch systematisch. In der Aversiv-Gruppe waren signifikant mehr erwachsene Hunde, in der Reward-Gruppe deutlich mehr junge Hunde unter sechs Monaten. Wer eine Hundeschule besucht, welche teils zu mindesten 75% auf extrem heftige aversive Reize setzt, tut dies oft, weil der Hund bereits ein ausgeprägtes Problemverhalten zeigt, welches ggf. nicht durch “sanftere” Methoden durch die Hundehalter bewältigt werden konnte. Wer eine Reward-Schule wählt, tut das häufiger präventiv, also mit dem Ziel, Verhaltensprobleme gar nicht erst entstehen zu lassen.
Die Frage lautet also: Hat die Strafe den Stress erzeugt – oder hat der bereits vorhandene Stress dazu geführt, dass zu Strafe gegriffen wurde? Diese Frage lässt sich mit diesem Studiendesign schlicht nicht beantworten. Die Autorinnen schreiben selbst: Sie können keine kausale Beziehung zwischen Trainingsmethode und Wohlbefinden ableiten (s. Seite 21 der Studie).
Kritikpunkt 4: Die Cortisolanalyse basiert auf einem Bruchteil der Stichprobe
Von den 92 Hunden wurden für die Cortisolanalyse – eine der zentralen Messgrößen der Studie – letztlich nur 31 Hunde ausgewertet: 8 aus der Aversive-Gruppe, 8 aus der Mixed-Gruppe und 15 aus der Reward-Gruppe. Das ist eine sehr kleine Datenbasis für eine der schlagkräftigsten Aussagen der Studie.
Fazit zu Mythos #2
Diese Studie ist kein Beweis dafür, dass Strafen in der Hundeerziehung grundsätzlich schädlich sind. Sie ist ein Hinweis darauf, dass überwiegend aversives Training – mit einem Anteil von min. 75% und massiven, größtenteils eindeutig gewalttätigen Maßnahmen – mit einem höheren Stresslevel und einer pessimistischeren Einstellung bei Hunden zusammenhängt. No shit, Captain Obvious! Ob es dafür tatsächlich eine Studie gebraucht hat oder nicht einfach der gesunde Menschenverstand ausgereicht hätte, wage ich mal zu bezweifeln.
Viel interessanter: Die Gruppe, die am ehesten balanciertes Training abbildet, unterscheidet sich in den wichtigsten Langzeitmaßen nicht von der rein belohnungsbasierten Gruppe (auch wenn die Stichprobe, wie bereits erwähnt, so klein ist, dass sich davon wohl kaum eine fundierte Aussage ableiten lässt). Und ein kausaler Zusammenhang zwischen Strafe und Stress lässt sich aus diesem Studiendesign nicht ableiten.
Was weder diese noch andere Studien zum Thema also bisher tatsächlich fundiert nachweisen konnten: dass gezielte, korrekt angewendete und auf den jeweiligen Hund abgestimmte Strafen, durch einen kompetenten Trainer angeleitet, langfristig negative Auswirkungen auf Hunde haben. Für diese Behauptung fehlt schlichtweg die wissenschaftliche Grundlage – und das ist ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte darüber viel zu selten hinterfragt wird.
Die Wissenschaft ist nicht eindeutig gegen Strafen. Sie gibt lediglich Hinweise darauf, dass Gewalt dem Befinden unserer Hunde nicht gerade zuträglich ist – und wer eine Studie braucht, um das zu erkennen, der sollte vielleicht lieber Hobbydogging betreiben.
Abschließend möchte ich sagen, dass ich das Argument “Die (Langzeit-)Auswirkungen von positiver Strafe auf Hunde sind wissenschaftlich noch nicht ausreichend geklärt, deshalb verzichte ich vorsichtshalber darauf.” vollkommen legitim finde! Genauso wie es völlig in Ordnung ist, aus persönlicher Überzeugung heraus auf bewusst eingesetzte Strafen zu verzichten.
Was ich allerdings problematisch finde ist, auf Grundlage falscher Tatsachenbehauptungen verbal auf Menschen einzuprügeln, die eine andere Meinung vertreten als man selbst. Das gilt übrigens für beide Seiten dieses Grabenkampfes! Wir können uns austauschen, unsere Standpunkte erläutern und konstruktive Kritik üben, wo wir diese für angebracht halten. Aber uns gegenseitig die Köppe einzuhauen, bringt letztendlich weder uns noch unseren Hunden etwas Gutes.
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Nächste Woche dreht sich alles um den Mythos, Strafen schaden der Beziehung. Nicht verpassen!




